Theorie II
Strenggenommen kann uns eine Quelle nie sagen, was wir sagen sollen. Wohl aber hindert sie uns, Aussagen zu machen, die wir nicht machen dürfen. Die Quellen haben ein Vetorecht. Sie verbieten uns, Deutungen zu wagen, die aufgrund des Quellenbefundes schlichtweg als falsch oder als nicht zulässig durchschaut werden können. Falsche Daten, falsche Zahlenreihen, falsche Motiverklärungen, falsche Bewusstseinsanalysen: all das und vieles mehr lässt sieh durch Quellenkritik aufdecken. Quellen schützen uns vor Irrtümern, nicht aber sagen sie uns, was wir sagen sollen.
Koselleck, Reinhart, “Standortbindung und Zeitlichkeit, Ein Beitrag zur historiographischen Erschließung der geschichtlichen Welt”, in: Koselleck, Reinhart (Hg.), Vergangene Zukunft: Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, 3. Auflage. (Suhrkamp Wissenschaft Weißes Programm). Frankfurt/Main 1984.